Der Künstler Albert Schindehütte

Es war einmal. Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte

Das neue Buch von Albert Schindehütte und Professor Dr. Heinz Rölleke ist als Sonderband in der Anderen Bibliothek erschienen. Mehr Informationen finden Sie im GrimmsKramsladen. 

Hamburger Abendblatt anlässlich des 70.Geburtstages von Schindehuette im Juni 2009

Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg. Heute Albert Schindehütte, Künstler

Hier unten hat das Leben einen ganz eigenen Rhythmus. Beschaulich geht es zu. Heiter, bunt und hautnah. In Övelgönne. Seinem Dorf. Wo er schon seit mehr als dreißig Jahren lebt. In dem Haus mit dem New-Orleans-Vorbau. Den Rosen auf der Terrasse, dem Garten direkt vor der Haustür. Mit der Strickleiter runter zum Strand. Vis-à-vis dem auf einer Boje stehenden Mann im Strom des Künstlers Stephan Balkenhol. Dazu könnte er gleich noch "eine kleine Begebenheit" erzählen, sagt er. Der Mann, um den es eigentlich geht. Der Zeichner und Holzschneider, Albert "Ali" Schindehütte, der am kommenden Montag seinen siebzigsten Geburtstag feiert.

In die Strandperle gleich gegenüber wollten wir uns setzen. Und bleiben dann doch auf der Terrasse hängen. Haben die vorbeischlendernden Spaziergänger im Blick, die Wanderer mit dem Rucksack, Pärchen mit Decke unterm Arm, Jogger und Nachbarn. Die Sache mit dem Mann im Strom also. Der Besucher, der staunt. Und Ali Schindehütte, der sich schnell davonmachen will. Zum Umziehen, weil jetzt Schichtwechsel sei. Und er raus auf die Boje müsse. Das nennt man den Schalk im Nacken haben, sagt er. Kichert wohlig vor sich hin. Ruft vorbeigehenden Nachbarn zu, dass wir hier jetzt arbeiten müssten. "Nein nicht an Kunst. Sie macht auf Psycho."

So hat er's gern. Der Satiriker mit dem Kindergemüt, wie er schon als Neunzehnjähriger von Kritikern genannt wurde. Damals als er begann, von der Kunst leben zu können. Mehr schlecht als recht. In Berlin. Oder nein, schon zwei Jahre vorher. In Kassel als Student an der Werkkunstschule. Im Hinterhof einer Gastwirtschaft am Königstor wohnt er damals, illustriert für die "Saufkneipe" jede Woche den Schlager der Woche. Auf einer Rolle Packpapier. Als Lohn gibt es Bier und Currywurst satt. Und Zusatzverpflegung vom Wirtstöchterchen. Ein paar Jahre drauf wird er in Berlin Mitbegründer der Werkstatt Rixdorfer Drucke, die heute im Wendland sitzt und als am längsten bestehende Künstlergruppe der Welt gilt. So zumindest war mal die 125 000-Euro-Frage bei Günther Jauch. Und das gemeinsame Arbeiten helfe auch sehr. Wie damals vor elf Jahren, als er sich in einer Silvesternacht schwor ad hoc mit dem Saufen und Rauchen aufzuhören. Eine Tortur, sagt er. Aber die dringend fällige Holzschnittarbeit für die Gruppe habe den Verzicht erleichtert.

Sollte er etwa obsessiv sein, in allem was er tut. Ja also, sagt er, lehnt sich zurück, bereit weit auszuholen. Und wieder wird's nichts. Hallo Lola, ruft Ali Schindehütte einem kleinen Mädchen zu. Kommt mal her. Seine Enkelin Lola ist es mit ihrer Freundin Karla. Lola, die Tochter von Jule. Der ein paar Häuser weiter wohnenden Tochter seiner Lebensgefährtin Bigs Möller, der Grande Dame der Frauenzeitschriften in Sachen Kosmetik, wie sie auch genannt wird. Mit der er schon längst Silberhochzeit hätte feiern können, wenn es sich denn so ergeben hätte. Er sei schon obsessiv, sagt er dann. Wenn das denn heiße, leck mich am Arsch zu sagen und den Hörer aufzuknallen. Und gemütlich, nein, so gäbe er sich heute mal für mich. Gute Tarnung, oder? Und als Lebenspartner sei er das schon gar nicht. Fangen wir also von vorne an? Erst das noch, sagt er, diese Kreuzfahrt, die er sich nie hätte leisten können, aber dank seines Nachbarn zur Linken, dem Traumschiffkapitän Andreas Jungbluth doch dazu gekommen sei. Als Kreativkurs in der an Bord zum Miniatelier umgebauten Bar Lilli Marleen. Und der Nachbar zur Rechten sei der Lyriker und Essayist Peter Rühmkorf gewesen bis kurz vor seinem Tod im letzten Jahr.

Und da kommt sie auch schon vorbei. Eva-Maria Rühmkorf. Ich grüße dich, rufen sie sich zu. Küsschen gibt's. Über die Ausstellung wird kurz geplaudert. Und über Tee gegen kaputte Knie. Was für Gedankensprünge. Großes Gelächter.

Jetzt aber. Die Kindheit. Im nordhessischen Breitenbach. Nur diese kleine Begebenheit noch, sagt Ali Schindehütte. Gucken Sie, der Baum da drüben. Überwuchert von einer Glyzinie. Ein Birnbaum. Die runtergefallenen Früchte habe er vor einem Jahr in einem Korb vor den Zaun gestellt mit einer Tafel dran: Bitte sich zu bedienen, Tüten anbei. Gezeichnet Ribbeck von Ribbeck vormals Havelland. Und hinter dem Fenster stehend habe er die Leute dann das Fontane Gedicht zitieren hören.

Ali Schindehütte ist in Breitenbach aufgewachsen. Im Schauenburger Land. Hier, das ist mein Elternhaus, sagt er. Im Katalog zur Ausstellung. Und gleichzeitig eine komplette Dokumentation seines Lebens. Das Gasthaus zum Stern, das Elternhaus seiner Mutter, die sehr jung nach gegenüber heiratet. In das Haus des Schlachters Herbod Schindehütte. Kein Platz zum Hungerleiden, sagt er. Eine glückliche Kindheit. Eine "anarchische" Erziehung, an der das ganze Dorf beteiligt ist. Eine Jugend auf dem Lande eben. Mit Schweinestallausmisten im "Spukedunklen" noch vor der Schule. Umgeben von seltsamen Geräuschen. Das habe ihn total angstfrei gemacht, sagt er. Nach der Schule geht's zum Kühehüten auf die Weide. Mit von der Großmutter eingepackten Stockriesen, einer Tafel Stollwerkschokolade, ner kleinen Cola und der aus dem Schrank stibitzten Packung Gold Dollar. Wunderbare Nachmittage. Rauchend und zeichnend verbrachte Stunden. Seine Eltern sind von diesem Dauerzeichner leicht irritiert. Er soll was Ordentliches lernen. Ruhig auch was Künstlerisches. Ali versucht sich als Schaufensterdekorateur. Beim Stoffhaus Barth an der Königstrasse in Kassel. Die Lehre geht vorschnell zu Ende nachdem er die Leiter mit dem Chefdekorateur drauf zusammenklappt.

Ach, diese Geschichten! Sie könnten mehrfolgig die Seiten füllen. Wie die von der legendären Justine, der Möpsin, die immer im Flieger zum Begatten zu Loriots Mopsrüden an den Starnberger See gebracht wird. Und es nie klappt. Dafür aber umso mehr dank ihrer Hilfe mit dem Anbaggern im Innocentiapark. Bei kleinen "Beziehungsverstörungen" mit seiner damaligen Ehefrau, der Katinka Niederstrasser. "Ein Mops mit Herrchen macht Frauenherzen schwach." Und Polgar, der Riesenschnauzer. Auch hier im Buch, sagt Ali Schindehütte. Polgar, wo bist du denn. Komm heraus du braver Hund. Ach, hier auf Seite 107. Viel mehr als Polgar interessiert mich eigentlich, wieso nicht alle seine Frauen in diesem Buch auftauchen. Da seien nur die drin, mit denen er zusammen künstlerisch tätig war, sagt er. Und was heißt das? Na die, mit denen er nicht nur Bett sondern auch den Arbeitsplatz geteilt habe. Wie eben mit Katinka, mit der er die Liebespaar-"Paarodien" herausbrachte. In dieser Phase der voll ausgelebten Erotik. Und wir reden noch ein bisschen über Kunst, Sex, Erotik. Ja, sagt Ali Schindehütte, Sie würden wahrscheinlich jetzt gerne hören, "wann denn dann endlich Schluss mit der Lust wäre". Ganz einfach: Nie, sagt er. Pause. Aber er habe schon eine Vorstellung, wie er mal abgehen möchte aus dem Leben. Rein künstlerisch bleibe da ja genug nach all den Jahren. Aber so als Mensch würde er es am liebsten wie Jean Paul Belmondo in "Pierrot Le Fou" haben. Sich in Sprengstoff einhüllen, das Streichholz dranhalten und puffatomisiert werden.

Und dann kommen Frank und Marianne vorbei. Die Nachbarn mit Labrador Patty auf dem Weg zum Abendschoppen. Beiben am Zaun stehen. Zum Plaudern. Ein geselliger Nachmittag. Nur mit der Psychonummer sind wir nicht gut vorangekommen. Die Couch habe gefehlt, sagt Ali Schindehütte lachend. Und bringt mich nach oben. Den Schulberg rauf. Raus aus dem Dorf. Er sei schon obsessiv, sagt er dann. Wenn das denn heiße, leck mich am Arsch zu sagen und den Hörer aufzuknallen.

Hessischer Verdienstorden für Albert Schindehütte!

Am 16. November 2009 hat die Hessische Ministerin für Kultur, Eva Kühne-Hörmann im Namen des  Hessische Ministerpräsident Roland Koch  Albert Schindehütte den Hessischen Verdienstorden am Bande für seine langjährigen Verdienste um die Kultur in Hessen und drüber hinaus verliehen.